Annette Hoffmann – Bewegte Bilder – Mobile Zeichen

BEWEGTE BILDER – MOBILE ZEICHEN

Spricht man mit Antoanetta Marinov über ihre Arbeit, fällt des Öfteren das Wort „ephemer“. Ephemer war sicherlich ihr Beitrag zur Ausstellung „Promenadenmischung“ der Klasse Leni Hoffmann im Kunstverein Ettlingen. Erst sollte es ein wanderndes Erdloch sein, das dieser so properen und aufgeräumt wirkenden Stadt einen Ort geben sollte, mit der sie nichts anzufangen weiß. Dann überwogen die Sicherheitsbedenken, so dass die Studentin der Staatlichen Akademie der Freien Künste Karlsruhe die Grube mit einer gerollten Kupferplatte umgab, die von einer Schraubzwinge gehalten wurde. Auf viele wirkte die Säule wie ein Mülleimer. „Drei Monate Arbeit und es sieht aus wie ein Aschenbecher“, lacht Antoanetta Marinov, die im Herbst von Freiburg nach Karlsruhe ziehen wird. Kurzerhand machte sie aus der Zweckentfremdung ihres Objektes eine Aktion und begrub die Kippen und den restlichen Müll.

Quasi invisible

In diesem Sinne ephemer war auch die von ihr organisierte Kunstaktion „quasi invisible“ auf dem Freiburger Hauptbahnhof vor einem Jahr. Zusammen mit anderen Kunststudierenden der Akademie bespielte sie das Gelände mit Installationen und Videoarbeiten, die erst auf den zweiten Blick zu erkennen waren. Der vergängliche Charakter ihrer Arbeiten kann dabei manchmal durchaus beharrlicher sein als die Umgebung, für die sie ihre Installationen schafft. So hatte Antoanetta Marinov anlässlich der offenen Ateliers in Freiburg 2004 einen kleinen Kunstparcours durch den Stadtteil Stühlinger gelegt. Tage später war ihr Werk noch vorhanden, die Treppe, die als Hinweis auf den Ort gedient hatte, jedoch abgerissen.

Dieses sehr situative und temporäre Arbeiten entspricht sicherlich der Handschrift von Leni Hoffmann, bei der Marinov seit 2003 studiert. Aufgenommen hat sie ihr Studium ein Jahr zuvor, geliebäugelt damit jedoch schon lange. Eigentlich wollte sie schon in ihrer Heimat Italien immer an die Kunstakademie, erzählt sie, doch ein Studium der Literaturwissenschaft erschien ihr sicherer. Erst als sie schon unterrichtete, merkte sie, dass es doch vernünftiger sei, sich den Traum zu erfüllen, als ihm ein Leben lang nachzutrauern. Das freie, aber auch „sehr arbeitsbezogene“ deutsche System kommt ihr entgegen. Ihrem ersten Studium ist es vielleicht geschuldet, dass ihre Werke häufig durch ein sehr narratives Element geprägt sind. Dieses erzählerische Moment geht häufig ähnlich verschlungene Wege wie die drei Wollfäden in einem ihrer Videos – von Stringenz keine Spur. Es ist eine Geschichte, die um ihre eigene Uneindeutigkeit weiß. Keine Frage, Antoanetta Marinov denkt über ihre Rolle als Künstlerin nach, reibt sich am anything goes der zeitgenössischen Kunst und kommt sich, wie sie sagt, hin und wieder als Unterhalterin vor. Sie trägt es mit Ironie, markieren ihre Arbeiten doch häufig absurde Situationen. So griff sie bei der Ausstellung „Sichtvermerk“ der Klasse Silvia Bächli in der Kunsthalle Palazzo in Liestal die architektonische Besonderheit einer Stütze zwischen zwei Türöffnungen auf und befestigte um diese einen roten Handlauf. Folgt man diesem, umrundet man den Pfeiler und kommt beim Ausgangspunkt heraus.

Was macht die Welt mit einer Idee?

Es ist der Dialog mit der Wirklichkeit und dem Faktischen, der sie interessiert. Am Anfang jedes neuen Projektes steht die Frage, was die Welt mit der Idee machen wird. Spielerisch lässt Antoanetta Marinov sich ablenken, geht diesen Nebenwegen nach und zeigt so manchmal genau das, was sie nicht wollte. Die Pausen und Überlegungen, wie es weiter gehen soll, in ihrem Video „Be aware to take a descion“. Oder wenn die Nägel nicht so perfekt in das Wasserglas fallen, wie bei einem anderen Video und die gewünschte Linie nicht entsteht. Dabei fällt auf, dass ihre Videos häufig etwas sehr Zeichnerisches haben, umso mehr als sie meist den Bildschirm als Begrenzung der Fläche einsetzt. Alles andere als ephemer war jedoch ihr Entwurf für den Brunnen im Rieselfeld, der in die engere Auswahl kam. Hier scheint sich etwas Neues anzubahnen. Ganz klassisch symbolisieren zwei metallene stilisierte Röhren Quellen, die mittels Sensoren durch die Bewegungen der Passanten auf dem Platz ausgelöst werden. Die Technik erschien der Jury wohl zu störanfällig. Dabei hätten sich daraus sicherlich viel versprechende Nebenwege ergeben.
Annette Hoffman, 8/2005

Quasi Invisibile. Temporary interventions at DB Freiburg. 2025. By and with Antoanetta Marinov. Invited artists: Patrjcya German, Karsten Födinger, Katrin Heister, Peng Sun.

Wanderndes Loch. Metal, Zange. Ettlingen, 2005

Fare Buchi Nell’Acqua. Video. 10 min. Loop. 2005